In unserem Verlag soll für die Zustellung ein Geoinformationssystem eingesetzt werden. Was ist das und wozu ist es zu gebrauchen?

Dieses Thema war ein Schwerpunkt der letzten Betriebsversammlungen. Grundsätzlich ist jedes System, das mit räumlichen Daten umgeht (z.B. ein Navigationssystem) ein Geoinformationssystem (GIS). Bei uns soll nun ein GIS der Firma „Sabris“ eingesetzt werden. Dieses System hat drei Funktionsbereiche, die für uns Zusteller relevant sind:

  1. Optimierung von Bezirken
  2. Erstellung von Lauflisten
  3. Prognose einer Arbeitszeit

Ein Betriebsrat hat bei der Einführung eines solchen Systems Mitbestimmungsrechte.

Wir haben daher mit der Geschäftsführung über die Möglichkeiten dieses Systems diskutiert und eine Vorgehensweise für jeden Funktionsbereich verhandelt:

1) Optimierung von Bezirken

Der Wunsch nach einer „Optimierung“ von Bezirken kann mehrere Ursachen haben:

  • Einsparpotential durch geringere Zeiten
  • Neubaugebiete oder neue Zustellobjekte
  • Einhaltung von Hinzuverdienstgrenzen

Die „Optimierung“ der Bezirke wird von Mitarbeitern der RZZ-Logistik durchgeführt.

Wir haben mit der Geschäftsführung abgesprochen, dass für den Betriebsrat nur das Ergebnis der Optimierung wichtig ist. Das System kann daher eingesetzt werden. Der Betriebsrat wird beim Ergebnis darauf achten, dass die Interessen der Kollegen/Innen beachtet wurden.

2) Erstellung von Lauflisten:

Sabris versucht anhand der Abo-Liste eine optimale Laufreihenfolge zu berechnen. Diese Laufreihenfolge wird zusammen mit einer grafischen Darstellung des Bezirks als Laufliste generiert.

Für diese Funktion wurde eine mehrwöchige Testphase abgesprochen. In dieser Testphase haben BR-Mitglieder die Lauflisten von ca. 100 Bezirken (Festbezirke und Vertretungsbezirke) bewertet. Auch die Bezirksleiter und einige Vertretungszusteller/Innen waren an diesem Test beteiligt.

Dabei sind dem Betriebsrat etliche Schwachstellen des Berechnungsmodells aufgefallen.

Einer der größten Schwachpunkte ist, dass Sabris grundsätzlich von der Mitte der Straße eine direkte Linie zur Hausmitte annimmt und hieraus eine Reihenfolge ermittelt. Dies führt dazu, dass laufend zwischen Häusern auf der linken und rechten Straßenseite gewechselt werden soll. Das dürfte nur selten sinnvoll sein. Oft ist es bei größeren stark befahrenen Straßen schlicht unmöglich.

Einige Schwachstellen:

  • Berechnung der Gangfolge nur von der Straßenmitte (s.o.)
  • Teilweise Missachtung der StVO!
  • SABRIS kennt keine Etagenzustellung
  • Keine kombinierte Zustellung mit zwei Verkehrsmitteln darstellbar
  • Bei Bezirken mit Schlüsseln muss die Gangfolge fest bleiben
  • ...und viele andere

Diese und rund ein Dutzend weitere Schwachstellen haben wir der Geschäftsführung mitgeteilt. Teilweise wird an Abhilfe gearbeitet, teilweise gehen wir von grundsätzlichen Problemen aus.

Die komplette Bewertung einer Laufliste lag dann zwischen „sehr gut“ und „komplett unbrauchbar“.

Wir haben daher folgendes abgesprochen:

  • die „Sabrislisten“ können zusätzlich zu den normalen Listen ausgegeben werden
  • sie sind keine Arbeitsanweisung
  • auf mögliche Schwachstellen ist hinzuweisen

3) Prognose einer Arbeitszeit

Die Verlagsführung möchte zukünftig auf Basis der von Sabris ermittelten Laufreihenfolge auch die Zustellzeit berechnen und hiermit den Lohn bestimmen. Die Zeiten sollen also nicht gemessen, sondern nur durch Simulation ermittelt werden.

Auch bezüglich dieser Funktion haben wir den Test ausgewertet.

Sabris setzt die Zustellzeit aus einer Wegezeit und einer Steckzeit zusammen.

Die Wegezeit wird mit einer festen Geschwindigkeit (abhängig vom genutzten Verkehrsmittel) aus der bei den Lauflisten berechneten (fehlerhaften, s.o.) Strecke bestimmt. Sabris nutzt dabei auf der Landstraße die gleiche Durchschnittsgeschwindigkeit wie in verkehrsberuhigten Bereichen.

Auch die Steckzeit wird nur gemittelt. Es spielt für Sabris keine Rolle, ob es einen Briefkasten direkt an der Grundstücksgrenze gibt, oder ob man noch viele Meter zur Haustür zurücklegen muss.

Eine Auswertung der „Sabriszeiten“ ergibt, dass die von Sabris prognostizierten Zeiten keinen hinreichenden Zusammenhang zu den tatsächlichen bei uns hinterlegten Zustellzeiten haben. Verschiedene mathematischen Kennzahlen belegen dies deutlich.

Zusätzlich zu den oben genannten Fehlern liegt es auch daran, dass viele Einflüsse komplett ignoriert werden. Diese sind z.B:

  • Individuelle Leistungsfähigkeit des Zustellers
  • Wetter
  • Zeitungsumfang

Mit der Geschäftsführung wurde daher abgesprochen, dass es bei uns keine Nutzung der durch Sabris ermittelten Zeiten vor einer zufriedenstellenden Nachbesserung geben wird. Niemand darf mit den falschen Zeiten unter Druck gesetzt werden.