Auf Dauer macht Nachtarbeit krank und einsam. Millionen Menschen sind betroffen. Sie schuften in der Industrie, arbeiten als Pflegekräfte in Kliniken und Heimen oder müssen sich für ein Zubrot, beispielsweise als Zeitungszusteller/innen, verdingen.

Das Bundesverfassungsgericht stellte schon 1992 fest: „Die regelmäßige nächtliche Arbeit ist für jeden Menschen schädlich“. Ausnahmen für irgendwelche „Personen“, etwa den Zeitungsboten, sind nicht bekannt, obwohl sie bei „Wind und Wetter“ immer an der „frischen Luft“ arbeiten. Gerade in der Winterzeit fördert „frische Luft“ – weil sie zu kalt ist - Erkältungskrankheiten und grippale Infekte.

Mit Blick in die Kasse, unter der Rubrik „erhöhte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall“, kennen Zeitungsverleger das Problem. Immer im Februar sind die Kosten besonders hoch.

Hinweise auf die Altersstruktur der Zeitungszusteller/innen „ab 50 aufwärts“ sind dabei nur bedingt hilfreich. Nachtarbeit ist grundsätzlich ungesund. Das gilt für Alt und Jung ganzjährig, wobei die Älteren sicher anfälliger als die Jungen sind.

Euer Betriebsrat hört oft: “In der Nacht von Samstag auf Sonntag werde ich wach und finde keine Ruhe, erst nach Tagen im Urlaub (sofern gewährt) kann ich durchschlafen und bin ein stückweit wieder in der Welt“. Kein Wunder angesichts einer dauernden Arbeit in 6 aufeinanderfolgenden Nächten, Woche für Woche und monatelang!

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sagt: „Der Mensch ist ein tagaktives Lebewesen, dessen Körperfunktionen am Tag auf Aktivität und in der Nacht auf Erholung eingestellt ist. Der willkürliche Schlaf-Wach-Wechsel bringt den Körper aus dem Takt“.

Mediziner stellen bei der willkürlichen Verschiebung der Schlafphasen zuerst Wehwehchen, wie Müdigkeit und Konzentrationsschwäche fest. Spätere Untersuchungen diagnostizieren dann eine weitere Schwächung des Immunsystems sowie langfristige chronische Leiden aller Art bis hin zu einem erhöhten Krebsrisiko, wie es die WHO (Weltgesundheitsbehörde) vermutet.

Die verstellte innere Uhr verändert nicht nur den Menschen körperlich. Sie beeinflusst auch die Psyche und das soziale Umfeld negativ, und das täglich in einem dialektischen Wechselverhältnis. Nachfolgend einige Beispiele aus dem Leben:

  • Abends nach dem Wetterbericht trennen sich Lebensgefährten. Der eine Teil braucht den Schlaf für die nächtliche Zeitungszustellung. Die andere „Hälfte“ schaut „Tatort“. Morgens, wenn es für den Einen heißt „ab ins Bett“, eilt der Andere zur Stechuhr „auf Arbeit“. Nur sonntags kann man gemeinsam frühstücken.
  • Für Mütter, die Zeitungen in der Nacht zustellen, bedeutet jeder Tag extra Stress. Nach nächtlicher Arbeit ist die Versorgung - Aufstehen, Waschen, Anziehen, Essen und Trinken mit dem Kind - selbstverständlich. Dann wird der Nachwuchs, je nach Alter, in den Kindergarten oder in die Schule gebracht. Nun heißt es auf dem Rückweg schnell noch beim Lebensmitteldiscounter einkaufen und danach endlich „ab unter die Zudecke“. Doch die Zeit ist knapp. Kind wartet schon, will abgeholt und versorgt werden. Wenn es nachmittags Hilfe gibt, darf man reif für ein kurzes Nickerchen „auf Couch“ sein. Später heißt es: Kochen, Ehemann, Anrufe tätigen, Sonderwünsche erfüllen und danach wieder nur eine „Mütze Schlaf“. Und was wird aus den so geprägten Kindern?
  • Ein abendlicher Konzert-, Theater- oder Kinobesuch ist selten. Meistens gewinnt der Verzicht auf Kunst und Kultur die Oberhand. Wer will schon in einem Konzert wie gewohnt „pünktlich“ einschlafen und wohlmöglich für alle hörbar die Veranstaltung mit Schnarchen beschallen?
  • Ein Treffen mit Freunden, Bekannten oder Verwandten z.B. zu einem gemeinsamen Abendessen, gestaltet sich stets schwierig. Nachtarbeiter verlassen zeitig die Runde, es sei denn, „alle nehmen mal wieder auf Eine/n Rücksicht, da Die oder Der mal wieder früher als die Anderen pennen muss“. Die Folge: Nachtarbeiter/innen werden nur noch gesichtswahrend oder aber gar nicht mehr eingeladen.

Nachtarbeit ist tückisch. Sie wirkt sozial ausgrenzend, macht körperlich und seelisch krank. Deshalb verlangt der Gesetzgeber von Arbeitgebern, Nachtarbeit zwischen 23 bis 6 Uhr von mehr als 2 Stunden an mindestens 48 Tagen im Jahr, (also im Durchschnitt mindestens einmal wöchentlich) zu vermeiden bzw. entweder mit Freizeit oder mit Zuschlägen auf den Arbeitslohn abzugelten.

Regelmäßig – auch ohne Vereinbarungen im Arbeitsvertrag - wird für den Nachtzuschlag 25% oder ein entsprechender Freizeitausgleich als angemessen angesehen. Bei Dauernachtarbeit nach Urteil des Bundesarbeitsgerichtes vom 9. Dez. 2015 sind es sogar 30% Zuschlag.

Da unser Arbeitgeber bei Mindestlohn (!) keinen Ausgleich in Form von Freizeit sondern lediglich 20% (seit 2017 für Neubeschäftigte nur noch 10%) Nachtzulage gewähren will, sind Klagen unserer Kollegen/innen in mehreren Kammern der Arbeitsgerichte sowohl in Köln als auch in Leverkusen anhängig.

Über die ersten Kammertermine vor Gericht - „dem Drehen an der Uhr“ - wird Euer Betriebsrat in der nächsten SammelSpitze berichten.